VCS Verkehrs-Club der Schweiz

Sektion Schaffhausen
VCS / ATE / ATA

A98 ante portas!

Schaffhausen im Fadenkreuz West/Ost und Nord/Süd

Das Land Baden-Württemberg baut unbeirrt an der Fortsetzung der 4-spurigen Autobahn aus dem Raum Lörrach Richtung Osten. Im Visier liegt nach wie vor der Kanton Schaffhausen, während von Süden der Vollausbau der A4 auf vier Spuren beschlossene Sache ist.

Droht die grüne Region am Rhein vom Verkehrsmoloch aufgefressen zu werden?

Es war am 29. November 1997, als die verantwortlichen Strassenplaner des Landes Baden-Württemberg, während eines Informationsanlasses in Lauchringen, den Schaffhauser Umweltorganisationen (darunter auch der VCS) versicherten, es werde an der Fortsetzung der Autobahn A98 (Europastrasse E54) «für die nächsten 20 Jahre weder geplant noch gebaut», da das Projekt im Bundesverkehrswegeplan keine vordringliche Priorität mehr habe.

Wie ein von uns dieser Tage durchgeführter Augenschein im Raum Laufenburg (rechtsrheinisch) zeigt, ist diese Aussage gründlich überholt. Das Land Baden-Württemberg baut mit vollem Einsatz an der A98 nördlich von Laufenburg. Damit steht die A98 unmittelbar vor den Toren von Waldshut. Darüber, wie es rund um Waldshut weitergehen soll, ist seit längerem ein Variantenstreit im Gange.

Variante Lottstetten-Weinland

Eine Variante der deutschen Verkehrsplaner sieht die Weiterführung der A98 als vierspurige Autobahn bis in den Raum Lottstetten vor. Dort soll die Autobahn über den Rhein in den Raum Benken geführt und dort mit der A4 in Form eines Autobahnkreuzes Weinland verknüpft werden.

Mit diesem Projekt hat sich der Zürcher Regierungsrat anlässlich einer Anfrage von Kantonsrätin Susanne Rihs-Lanz (Grüne, Glattfelden) vom 21. Januar 2002 befasst und dazu folgende Antwort gegeben:

«Die von Deutschland geplante Hochrheinautobahn A98 Lörrach – Autobahnkreuz Hegau – Stockach – Lindau (dort Verbindung zur A96 in Richtung München) ist in einzelnen Teilen in Betrieb. Die A98 ist als vierstreifige Vollautobahn ab Lörrach bis zur Grenze Deutschland/Schweiz bei Lottstetten Bestandteil des deutschen Bundesverkehrswegeplans. Gebaut sind derzeit jedoch vorerst zweistreifig je rund 10 km im Raum Rheinfelden, zwischen Murg und Hauenstein und bei Waldshut.

Nach den Vorstellungen der deutschen Planung soll die A98 durch das Zürcher Weinland südlich von Schaffhausen geführt werden. Den Absichten des Nachbarlandes steht die Strategie Hochleistungsstrassen (HLS) des Kantons Zürich entgegen, deren erste Phase abgeschlossen und im Juni 2000 mit der Broschüre ‹Hochleistungs-strassen im Kanton Zürich, Strategie und Elemente› veröffentlicht worden ist. Darin sind neben den drei Elementen ‹Neue Verbindungen, Kapazitätsanpassungen und Begleitmassnahmen› als viertes Element ‹Weitere Ergänzungen› aufgeführt. Darunter fällt auch die Verbindung der A98 mit dem schweizerischen Netz über die A50 Umfahrung Glattfelden zur A51 Bülach–Kloten–Dreieck Zürich Nord. Der in der Anfrage erwähnte Artikel aus dem ‹Südkurier/Albbote› vom 15. Januar 2002 bezieht sich auf diese Grundlage.

Eine Weiterführung der A98 durch das Weinland ist abzulehnen. Da davon auszugehen ist, dass ein Grossteil der Verkehrsbeziehungen auf den Grossraum Zürich einschliesslich Flughafen ausgerichtet ist, wird vielmehr eine Fortsetzung der Umfahrung Glattfelden (A50) bevorzugt. Die Verbindung A50–A51 ist im kantonalen Verkehrsrichtplan als Autobahnzusammenschluss Bülach–Glattfelden im Sinne des Ausbaus der bestehenden Strasse eingetragen. Langfristig dient eine solche Verbindung der Stärkung des Wirtschaftsraums Zürich.

Die ersten drei Elemente des Hochleistungsstrassennetzes im Raum Flughafen-Zürich und Winterthur werden derzeit im Rahmen der Arbeiten zur Strategie HLS mittels Zweckmässigkeitsbeurteilungen optimiert. Im Gegensatz zu diesen Arbeiten sind heute noch keine Planungen zu den ‹weiteren Ergänzungen› im Gange. Analog zur Projektorganisation der laufenden Zweckmässigkeitsbeurteilungen werden die betroffenen Gemeinden und Planungsgruppen einbezogen, sobald in einer späteren Phase Planungsarbeiten u. a. für den Zusammenschluss mit der deutschen A98 angegangen werden.»

(Quelle: Protokoll des Zürcher Kantonsrates 141. Sitzung, 8. April 2002, 8.15 Uhr)

Eine vierspurige Autobahn reisst tiefe Wunden in die Landschaft
Fotos: Felix Schweizer

Variante Fullerfeld

Es gibt im Raum Waldshut allerdings auch noch eine weitere planerische Variante. Walter Joos schrieb am Freitag 11. Januar 2002, Schaffhauser Nachrichten unter dem Titel «Experten prüfen noch neue Wege am Hochrhein» unter anderem, es gebe im Raum Waldshut eine südliche Variante. In diesem Artikel wird Nikolaus Bischofberger, Verkehrsingenieur in der Abteilung Planung und Steuerung des Tiefbauamtes des Kantons Zürich zitiert:

Aus dessen Sicht strebe «der von Basel über Waldshut hinausfahrende Verkehr zum grössten Teil in Richtung Zürich und Winterthur». Und Walter Joos weiter in diesem Artikel: «Aus diesem Grunde erachten die an der Limmat tätigen Strategen eine Linienführung von Waldshut in Richtung Glattfelden und Bülach als wesentlich sinnvoller als die von den deutschen Verkehrswegeplanern durch den Klettgau und das Wangental in Richtung Benken gezogene Linie» .

(Quelle: www.wangental.ch/berichte_artikel/prewa_2002_jan11.htm)

Bei dieser Linienführung durch das Fullerfeld hat allerdings der Kanton Aargau auch noch ein gewichtiges Wort mitzureden, würde doch eine solche Linienführung ab dem Raum Koblenz durch dessen Kantonsgebiet führen. Schon vor längerer Zeit haben die Anlieger des Fullerfeldes Widerstand gegen eine solche Trassenführung der A98 angemeldet.

Dazu der Vorstand des Naturschutzvereins Full-Reuenthal:

«Nicht nur als Einwohnerinnen und Einwohner, sondern auch als Vorstand des Naturschutzvereins Full-Reuenthal sind wir legitimiert, uns gegen dieses brutale Projekt zu wehren. Eine vierspurige deutsche Autobahn, allenfalls noch mit Auf- und Abfahrten? Acht bis zehn Meter hohe Dammaufschüttungen von West bis Ost, die uns optisch und gefühlsmässig einkesseln? Zwei Brücken über den Rhein in der Art der Bötzbergautobahn über die Aare? Offenbar haben Planer und politische Promotoren, die bisher hinter den Kulissen wirkten, mit diesem Gigantismus jedes Augenmass verloren. Auf diese Weise würde das mühsam in ein Gleichgewicht gebrachte Geflecht von Siedlungsraum, Kulturland und naturnahen Flächen in Full zertrümmert, zugeklotzt und beerdigt.

Wir versuchen erst gar nicht, vom Naturschutz im Kleinen, den wir seit elf Jahren aktiv betreiben, zu reden. Es geht vielmehr um den Lebensraum als Ganzes, der hier in seiner Qualität radikal verschlechtert würde. Das Problem liegt unseres Erachtens nicht nur in unserer deutschen Nachbarschaft, sondern auch bei den schweizerischen Verfechtern, die sich mit diesem Vorhaben als Anbiederer und Zudiener hervortun: Dafür dürfte man sich in Waldshut ins Fäustchen lachen. Wir nehmen den Kampf auf!»

(Quelle: www.aaretal.info/A98/medien.htm)

Variante Klettgau nicht vom Tisch

Für die Haltung der Aargauer haben wir volles Verständnis. Auch wir im Kanton Schaffhausen wollen und müssen unsere Landschaften und unseren Lebensraum vor diesem unnötigen Strassenmoloch schützen. Dies kann nur wirksam betrieben werden, wenn wir die richtigen Signale in Richtung Baden-Württemberg und sogar in Richtung Berlin senden. Was unsere bürgerlichen Bundesparlamentarier Gerold Bührer, Hannes Germann und Peter Briner allerdings in Bern machen, läuft dem genau zuwider. Erst haben diese Volksvertreter sich über lange Jahre hinweg und mit vollen Kräften für den Vollausbau der A4 im Weinland stark gemacht und jetzt wird der Bau eines Galgenbucktunnels massiv vorangetrieben.

Warum erst jetzt?

Es mutet äusserst befremdlich an, dass erst unmittelbar nach bekannt werden der Bundeszusage zum vierspurigen Ausbau der A4 im Weinland diese Strecke durch Baken auf dem Mittelstreifen «entschärft» werden konnte. Seit dieser Massnahme ist das Unfallgeschehen auf dieser sogenannten «Todesstrecke» signifikant zurückgegangen. Jahrelang vorher wurde nichts Wesentliches, bzw. Wirksames unternommen und die verantwortlichen Zürcher Behörden müssen sich die Frage gefallen lassen, warum dem so war. Es hätten jedenfalls Dutzende von schweren Unfällen mit Toten und Schwerverletzten vermieden werden können, wenn diese Massnahme schon vor 10 Jahren getroffen worden wäre.

Wenn der Kanton Schaffhausen zu diesem Thema auf seiner Internetseite mit triumphierendem Unterton zum Thema Galgenbucktunnel vermeldet: «Wegen der angespannten Lage der Bundesfinanzen sind in der ganzen Schweiz diverse Strassenbauvorhaben zurück gestellt worden. Gemäss Mitteilung des UVEK ist das für den Kanton Schaffhausen bedeutende Projekt der Erweiterung des Anschlusses A4 Schaffhausen-Süd (Galgenbucktunnel) aber nicht davon betroffen. Nach Annahmen des Bundes kann mit einem Baubeginn im Jahre 2008 gerechnet werden», so können wir die Freude über diesen «Erfolg» in Bern keineswegs teilen.

Bei allem Verständnis für die Nöte der verkehrsgeplagten Anwohner der Neuhauser Hauptverkehrsachsen weisen wir an dieser Stelle einmal mehr darauf hin, dass der Bau des Galgenbucktunnels ein äusserst gefährliches Unterfangen ist, weil damit die falschen Signale in Richtung Baden-Württemberg gesetzt werden. Der Bau dieses Tunnels muss den deutschen Verkehrsplanern geradezu als ein Wink des Himmels vorkommen, wie sie die verfahrene Situation im Raum Waldshut lösen und die A98 weiter nach Osten bis an die Grenze bei Trasadingen vorantreiben können. Unsere bewährten Lobbyisten in Bern werden dann die Verbindung durch den Klettgau schon noch richten!

Siehe «Schaffhauser Nachrichten» vom 06. 09. 2003, Seite 21, Thema: Aufklassierung der Klettgauerstrasse und deren Aufnahme ins Nationalstrassennetz.

So könnten die folgenden Skizzen doch noch eine Option werden:.

A98/E54 (Europastrasse 54),

Ausschnitt aus Regionalplan 2000 - Entwurf, Verkehrswesen in der Region Hochrhein-Bodensee: Strassenverkehr; Raumordnerisch bedeutsames Straßennetz. Bearbeitung: Regionalverband Hochrhein-Bodensee, Waldshut-Tiengen,
© RV HB 12/1993, da.

Legende: Gestreckte Linie: Bestand; gestrichelt: Planung linienbestimmt; kurzgestrichelt: Variante.
Blau: Strassen für großräumigen Verkehr, z. B. A98/E54, grün: für überregionalen Verkehr, rot: für regionalen Verkehr.
Bemerkung: Die angedeutete Streckenführung auf Kantonsgebiet beruht vermutlich aus früheren Richtplangrundlagen. Am 17. Juni 1996 wurde die Nordumfahrung Neunkirchs aus dem Richtplan gestrichen und nur noch der Autobahnanschluss Galgenbuck belassen.

Hochrheinautobahn A98 (Europastrasse 54) 1)

Aus Vernehmlassungsentwurf UVEK,Sachplan Strasse, September 2002, Abbildung 20 (Ausschnitt), Seite 80 ff.
Zugedachte Funktionen:

  • Verbinden der Schweiz mit dem Ausland
  • Verbinden Grenzregionen
  • Erschliessen von Kantonshauptorten
  • Sammeln des regionalen Verkehrs etc. ...
    Dem Grundnetz zugerechnet.


Legende:

  • Gestreckte Linie: Erfüllt Kriterien
  • Gestrichelt: Sinnvolles zusätzliches Element
  • Kurzgestrichelt: Erfüllt Kriterien (ausländ. Netzelement)
    Verweis auf Trasadingen: Ergänzung durch VCS.

1) E54: Paris–Belfort–Mulhouse–Lörrach–Schaffhausen–

Singen–Lindau–München.

Das Volk soll entscheiden

Gegen eine solche Verkehrsplanung werden wir mit allen Kräften antreten. Vorerst einmal anlässlich der Volksabstimmung über den Galgenbucktunnel, deren Durchführung uns der Kantonale Baudirektor Hans-Peter Lenherr formell zugesichert hat. Es bedarf nach unserer Ansicht – neben den hier angesprochenen verkehrspolitischen Fragen –, auch noch der Klärung der Finanzierungsfragen, dies insbesondere nach der Ablehnung der Strassenverkehrssteuer-Vorlage am 18. Mai 2003. Wir sind nicht bereit, den Ruin der Kantonsfinanzen auf diese Weise weiterzutreiben. Schon die heutige Schuldenwirtschaft des Kantons Schaffhausen basiert auf einem Strassenbau-Abenteuer: Der Bau der A4 Stadtunterfahrung hat die Kantonsfinanzen mit mehr als 100 Millionen Franken belastet und dieses Geld war wohlgemerkt zu keinem Zeitpunkt in der Kasse vorhanden.

Es reicht jetzt

Wir sind der Ansicht, dass wir in Schaffhausen über eine genügende Strassenverkehrs-Infrastruktur verfügen. Eine Haltung, die wir offenbar auch mit der Schaffhauser Wirtschaftsförderung gemeinsam haben. Diese preist Schaffhausen auf der Startseite ihres Internetauftritts (www.sh.ch/wf/wifo_d.htm) wie folgt an:

«Schaffhausen – der attraktive Unternehmensstandort

im Zentrum Europas»

Und weiter:
«Warum Schaffhausen?

  • Beste Lage in Europa mit optimalen Verkehrsverbindungen
  • Interessantes Unternehmens-Umfeld
  • Höchste Lebensqualität
  • Schaffhausen – "Ein Stück Schweiz in Deutschland"
  • Attraktives Steuerklima
  • Umfassende Dienstleistungen der Wirtschaftsförderstelle

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Ferner ist hier eine interessante Zusammenstellung von Reisezeiten zu finden: [Zustand Ende Oktober 2003]

* Obwohl diese Zusammenstellung ziemlich unverblümt autolastig gefärbt ist (man hat offenbar bei der Wirtschaftsförderung noch nicht bemerkt, dass die DB seit Ende 2000 – werktags sogar stündlich –, Interregio-Verbindungen zwischen Schaffhausen und Basel Bad. Bhf. mit einer Fahrzeit von 57 bis 60 Minuten anbietet, eine Fahrzeit, die auf der Strasse unerreichbar ist), macht sie doch deutlich, dass Schaffhausen verkehrsmässig gut bis sehr gut erschlossen ist!

Interne Widersprüche

Das Bemerkenswerte am Internetauftritt der Schaffhauser Wirtschaftsförderung ist die Tatsache, dass viele der darin gemachten Aussagen im scharfen Gegensatz zur Haltung verschiedener lokaler politischer Kräfte steht.

Seit Jahren hören wir ein Gejammer über zu hohe Steuern und mangelhafte Verkehrsanbindungen im Kanton Schaffhausen. Ein Gejammer, das auch nach unserer Auffassung jeglicher Grundlage entbehrt und wohl eher den Zweck verfolgt, die lokale Bauwirtschaft mit fetten Brocken zu alimentieren. Eine solche Politik, die voll zu Lasten unseres Lebensraumes und unserer Lebensqualität geht, unterschreiben wir nicht. Für uns kommen weitere Ausbauten der regionalen Verkehrsinfrastruktur nur noch im Bereich des öffentlichen Verkehrs in Frage.

 

Seite aktualisiert 19.11.2005